Tao des Kontaktmanagements - Part 5

Wir verlassen die türkische Touristenmetropole aus Part 4 dieser Blogserie und begeben uns in Richtung Nordafrika. 
Dieser kleine Marktplatz neben dem dortigen Bahnhof. Dort, wo Du nicht mehr der freundlich empfangene Tourist mit der Kauffreudigkeit in der rechten Hosentasche, sondern der von oben bis unten mit Blicken gemusterte Fremde bist. Ein Fremder, der erstmal nicht in das alltägliche Bild dieses Platzes passt.

Händler mustern Dich, aber letzendlich bieten sie Dir ihre Ware an. Ein alter Mann bittet Dich an seinen Obststand und schneidet Dir voller Stolz seine angepriesenen Früchte auf. Du nimmst dankend an und unterhälst Dich mit Händen und Füßen. 
Dein Blick schweift gemütlich über den Platz während Du einen Tee trinkst und das frische Obst genießt. 

Dann siehst Du ihn, den Typen der Dich anstarrt und dann wieder wegschaut (Part 2). Er ist auffällig unauffällig und Dein Bauchgefühl lässt wieder die Alarmglocken läuten.

Du beobachtest ihn ebenso. Schaust ihn aber nicht direkt an. Seit Part 2 wissen wir, dass wir den längeren Blickkontakt vermeiden möchten. Wir schauen über seiner Schulter entlang seines Kopfes und stellen fest, dass die Person den ständigen Blickkontakt zu anderen Personen sucht.
Relativ schnell stellst Du fest, dass seine "Blickkontakte" ebenfalls immer wieder in Deine Richtung schauen.

Zwischenmenschliches Verhalten (Proxemik)

Hierbei handelt es sich um eine bestimmte Form der nonverbalen Kommunikation zwischen dem Körper des Sprechers und anderen Menschen oder Gegenständen in seiner Umgebung.


In hiesigem Beispiel, der gesuchte Blickkontakt untereinander, dann der Blick auf Deine Person, dann der erneute Blickkontakt untereinander und ein bestätigendes Kopfnicken.


Während Du noch gemütlich Obst isst, haben die unbekannten Personen um Dich herum kommuniziert und einen Entschluss gefasst. 

Einen Dir unbekannten Entschluss. Inwieweit es sich hierbei um eine Straftat handelt oder lediglich Deine Person "bewertet" wurde, keine Ahnung. Du benötigst weitere Informationen. 

Wie Du bereits weißt, ist Deine derzeitige Position nicht die optimalste und Du musst zur besseren Kontrolle der Situation und zur weiteren Informationsgewinnung wieder in die mobile Phase übergehen.


Wir wechseln einfach mal in ein einfacheres Szenario. Du bist des nächtens in einer deutschen Stadt unterwegs und läufst vom Bahnhof in Richtung Deines Hotels.

Ungefähr 50 Meter auf der anderen Straßenseite bemerkst Du drei männliche Personen.

Einer schaut in Deine Richtung und dann wieder zurück zu den anderen beiden Personen. Sein Kopf nickt dabei in Deine Richtung. Die anderen beiden Personen schauen nun auch in Deine Richtung und dann schauen sich alle drei Personen wieder an und nicken kurz.


Eine Person wechselt nun die Straßenseite und stellt sich ungefähr 40 Meter vor Dir an die dortige Hauswand.


Noch mehr Beispiele? Gerne.

Du gehst mit einem Bekannten durch dieses Parkhaus kurz vor Mitternacht in einer deutschen Großstadt. 

Die dortigen "Jungs" bereiten sich auf ihre Nacht vor. Hochpreisige Luxuskarossen stehen zu einem Kreis gestellt und sind noch mit ihren Fahrern besetzt. In der Mitte diskutieren mehrere Personen oder haben ihr Smartphone.

Mit Erblicken Eurer beiden Personen bedient ein Fahrer zweimal die Lichthupe und alle schauen in Eure Richtung. Zwei Fahrzeuge setzen zurück und fahren langsam im Parkhaus umher.


Du sitzt in einem Straßencafé in Lissabon und die dortigen afrikanischen Dealergruppen betreiben in den Abendstunden ihr reges Geschäft. Immer wieder sieht man ihre Blicke kreuzen und sich Zeichen geben. Rückt die Polizei an wird über diese Blicke, Gesten und Zeichen kommuniziert und der Platz verlassen.

Was passiert hier? Beide Parteien nehmen wahr, kommunizieren und agieren situativ. Beide Parteien möchte die Kontrolle über die Situation gewinnen. Sie betreiben ihre Form eines Kontaktmanagements. Egal, ob ich von anderen Personen auf einem Markt in Nordafrika zur Begehung einer Straftat beobachtet werde, Dealer in Lissabon versuchen nicht einer Kontrolle unterzogen werden oder die "Jungs" im Parkhaus klären müssen, wer des nächtens dort entlang läuft. Die Sicherheitsbehörden, die Gegenseite oder nur zwei Partygänger.

"ICH"-Szenario vs. "WIR"-Szenario
"ICH"-Szenario vs. "WIR"-Szenario

Überall wohin wir gehen, dort sind Menschen. Man muss hierbei das Gesamtszenario, das "WIR"-Szenario, sehen. Das eingeschränkte Sicht allein auf die eigene Person, dem "ICH"-Szenario, bezogen, ist hier nicht ausreichend. Im schlimmsten Falle wird mein eigenes situatives Handeln, zum Beispiel das Ziehen des mitgeführten Pfeffersprays, von anderen Personen als bedrohlich empfunden. Das eigene "ICH"-Szenario möchte sich nötigenfalls schützen können, dass andere mir gegenüberstehende "ICH"-Szenario sieht das Ziehen einer möglichen Waffe und wirft einen Blick dem nächsten "ICH"-Szenario zu seiner rechten zu. Die zwei anderen "ICH"-Szenarien, sprich Personen, kommunizieren miteinander und werden dementsprechend auch zur Gewinnung der Situationskontrolle agieren. Der Grund hierfür ist mein Handeln im "WIR"-Szenario.


Wer Gavin de Beckers Klassiker "The Gift of Fear" bzw. die deutschsprachige Übersetzung "Vertraue Deiner Angst" gelesen hat, der weiß, dass es für jegliches Handeln auch Vorzeichen gibt und das Vertrauen auf das eigene Bauchgefühl nicht vergessen werden darf.  Eine zusätzliche rationale Bewertung von Personen ist dann das Hilfsmittel zur Deutung von Körpersprache, Gestik, Mimik, Stress, usw. Aber auch die Rolle einer einzelnen Person innerhalb einer Gruppe kann somit schnell ausgemacht werden.


Nehmen wir nochmal das Video aus Part 3, so sind diese Vorzeichen deutlich zu erkennen, auch dann wenn es das Opfer in diesem Fall nicht konnte. Die Vorzeichen sind da.

Sprich, selbst wenn ich auch einem Hinterhalt angegriffen werde und weder die Personen, noch deren Vorzeichen für diesen Übergriff erkennen konnte, sie waren da. 

Erinnere Dich doch einfach mal an den Hollywood-Blockbuster "Acht Blickwinkel" mit Dennis Quaid. Viele "ICH"-Szenarien, die sich nach und nach zu einem "WIR"-Szenario zusammensetzen.


Je schneller ich diese Zusammenhänge, Vorzeichen und Personen erkennen kann, desto einfacher ist es mir möglich diese zu kontrollieren.

Hierzu aber mehr im kommenden Part 6.

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